Der Wert des Einzelnen

Saatgut aus dem eigenen Anbau ist Gold wert. Nicht nur wegen der finanziellen Ersparnis, so kann auch die Vielfalt der alten, heimischen Pflanzensorten erhalten und die Abhängigkeit von großen Konzernen umgangen werden. Wie man Saatgut erfolgreich gewinnt? Das verrät Bio-Bauer Franz Wallner vom Hof Blaiken in Going. Und wie heimische Pflanzensamen die Welt bunter machen.
Sobald die wärmeren Monate begin- nen, holt so mach einer das Saatgut aus den Schränken hervor. Samen für Sa- men wird penibel in die Erde gepflanzt, bald sind die ersten grünen Spitzen der Sämlinge zu sehen. Stattliche Pflanzen wachsen daraus, sie liefern Gemüse so- wie Korn oder blühen in den schönsten Farben. So auch bei Franz Wallner: »Ich habe eigentlich schon immer Getreide angebaut, auch Mais, Kartoffeln, Topi- nambur und Sonnenblumen wuchsen schon auf unseren Feldern – einfach al- les Mögliche. Was wir dann im Herbst geerntet haben, wurde früher an die Schweine verfüttert.« Gekauft hat er da- bei wenig Saatgut, der 66-Jährige hat es selbst vermehrt. Dabei braucht die Saat- gutgewinnung Zeit, Wissen und einen Standort, an dem die Pflanze völlig aus- reifen kann. »Wenn du heute ein Korn, ein Saatgut aufbewahrst und dann in die Erde steckst, Wasser und Sonne dazu kommen, dann wird die komplette Ur- Information wieder frei. Die ganze Ener- gie wird eingesetzt, um zu keimen. Das ist die einzige Aufgabe dieses Korns.« In Franz’ Beispiel entsteht aus diesem ei- nen Korn später eine Weizenähre, wel- che wieder Körner und somit Saatgut für den Anbau der nächsten Pflanzengene- ration liefert.

EINE ANLEITUNG ZUR SAATGUTGEWINNUNG

Die wertvollen Samen der Planzen müs- sen nicht im Müll landen, Saatgut selbst vermehren kann jeder. Für Einsteiger eig- nen sich besonders gut Tomatenpflanzen, sie bilden schon im ersten Jahr Samen und bestäuben sich selbst. Geht man je- doch nach folgendem Schema vor, soll- ten auch andere Pflanzen kein größeres Problem sein:
1. Die Selektion
Als Erstes muss die Mutterpflanze ausge- wählt werden, von der das Saatgut stam- men soll. Als Faustregel gilt, dass Gemü- se, Kräuter oder Blumen, die besonders ergiebig gedeihen, sich auch am besten zur Saatgutgewinnung eignen. Sprich: die widerstandsfähigsten und stärksten Pflanzen liefern das beste Saatgut. Zu- dem taugen nur samenfeste oder sorten-reine Pflanzensorten, Hybridpflanzen (Kreuzungen zweier Pflanzen) sind nicht geeignet.

2. Die Saatgutgewinnung
Die Samen verschiedener Pflanzen wer- den unterschiedlich gewonnen. Manche Sorten müssen zum Blühen gebracht werden (z. B. das Radieschen), andere bilden den Samen direkt in der Frucht aus (z. B. die Tomate). »Ich muss den Zeitpunkt aber jedenfalls abwarten, bis der Samen reif ist«, weiß Franz. Das Saat- gut wird abgeerntet und gegebenenfalls in einem Sieb gewaschen.

»Korn für Korn muss gesät werden. Wenn man einfach streut, wird es ein Krauthaufen.«

3. Das Trocknen
»Als Nächstes muss man den Samen langsam trocknen, wir machen das im- mer in der Stube.« An einem warmen Ort (optimal bei 25 °C) werden die Samen beispielsweise auf Vliesresten, Backpa- pier oder Kaffeefiltern getrocknet. Wird das Saatgut ausgebreitet, trocknet es gleichmäßiger und schneller. Bei Schlan- genknoblauch oder ähnlichen Sorten können die Pflanzen als Strang zusam- mengebunden und aufgehängt getrock- net werden.

4. Das Aufbewahren
»Erst wenn der Samen komplett trocken ist, kann man ihn lagern«, erklärt Franz. Ob luftdicht in Glasbehältern oder in Papiertüten – das sei jedem selbst über- lassen. Kühl, dunkel und trocken soll der Samen gelagert werden. »So kann Saatgut auch 50, 60 Jahre aufbewahrt werden. Es darf nur nicht zu schimmeln beginnen.« Und auf das Beschriften der Sorten sollte man nicht vergessen!

die welt wird bunter

Am Blaikner Urkraftplatz hat alles vor einigen Jahren begonnen. Man traf sich dort: ein paar Vertreter des Goinger TVB-Ortsbüros, Kräuterexpertin Cornelia Miedler und Bio-Bauer Franz. Etwas Spezielles sollte her, ein Geschenk an die Gäste. Die erste Idee: eine Wasserkaraffe mit Edelsteinen. »Davon habe ich ihnen aber entschieden abgeraten«, erinnert sich Franz zurück, der sich mit Wasser intensiv beschäftigt. »Wenn man die Edelsteine nicht an Personen anpasst, haben sie nicht die gewünschte Wirkung. Und vor allem soll man nicht mehr als drei Steine im Wasser haben.« Was man sonst machen könnte? Das stand an diesem Abend noch nicht fest. Später folgte aber die zündende Idee: wa- rum die Welt außerhalb Tirols nicht ein wenig bunter machen? So war die »Go- inger Ursaat«, eine Mischung aus sieben einheimischen Pflanzensamen, gebo- ren. Ein Teil des ursprünglichen Saatguts stammt aus dem Bestand der Bio Austria Saatgut und der Arche Noah, »da habe ich die Sorten bekommen, die ich noch nicht hatte.« Phacelia, Ringelblume, Mais, Sonnenblume, Schwarzhafer, Urweizen und Schlangenknoblauch baut Franz gemeinsam mit seiner Frau Luise seither für diese Projekt auf den kleinen Feldern – jedes ist nur so groß wie ein mittel- großes Zimmer – vor dem Hof an. Und gewinnt Jahr für Jahr das Saatgut, das in kleinen Glasröhrchen an die Gäste ver- teilt wird. »Der Gedanke war, dass die Leute selber das soweit aufzüchten, dass es einen Samen gibt. Und diesen sollen sie dann wiederum verschenken«, sagt Franz. »Es soll weit hinausgehen, mög- lichst viele Pflanzen sollen entstehen.

Text: Alexandra Embacher
Foto: Roland Defransesco/TVB Wilder Kaiser

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