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Mit dem Taktstock gegen den Strom

Die Wilde Kaiserin

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Mit dem Taktstock gegen den Strom

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Mit dem Taktstock gegen den Strom

Unter den Kapellmeistern zählt Hermann Ortner nach über 40 aktiven Jahren zum Urgestein. Dazu ist der Ellmauer Musiker und Direktor der Ellmauer Musik-Volksschule bekannt wie ein bunter Hund; für seine musikalischen Qualitäten genauso wie für seine durchaus schrägen Ideen.
TEXT: Adriane Gamper FOTO: GPHOTO/Florian Egger
»Im Grunde war es eine wahnwitzige Idee.« Hermann Ortners Augen blitzen spitzbübisch, als er von seinem Plan im Jahr 2008 erzählt. Er war gerade drei Jahre Kapellmeister bei der St. Johanner Blasmusikkapelle. Für seine besonderen Projekte war er schon lange reihum bekannt, sein Vorhaben für den 10. Februar 2008 sorgte aber selbst bei Kollegen für Kopfschütteln. Der Ellmauer ist heute noch sichtlich amüsiert über die Reaktionen auf seine Ankündigung, an diesem 10. Februar um sechs Uhr früh ein Kirchenkonzert zu veranstalten. »Ich wollte wissen, wer für unsere Musik so zeitig aufsteht und in die Kirche geht. Wobei, ganz ehrlich, als der Tag näher rückte, hatte ich doch einige schlaflose Nächte und Sorge, dass wir alleine in der Kirche spielen werden.«

DER WEIN UND DAS SEIL

Seine Musikleidenschaft wurde Hermann Ortner in die Wiege gelegt. Sein Vater war Obmann der Musikkapelle. Er selbst lernt schon als Kind Trompete, steigt mit 17 in einer Tanzkapelle ein. Das Sprungbrett zur Blasmusik liefert die Militärmusik, in deren Rahmen er die Ausbildung zum Blasorchesterleiter absolviert. Er ist gerade einmal 19 Jahre alt, als er in Scheffau Kapellmeister wird. Schon bald zeigt sich sein Hang zu ungewöhnlichen Projekten. »Oh ja, ich weiß noch als ich vorschlug, ein Almblasen auf der Walleralm zu veranstalten. Selbst der TVB meinte damals: das interessiert niemanden. Ich habe es trotzdem gemacht und die Zuseher haben uns regelrecht überrannt.« Genauso wie bei den Dorfabenden in Scheffau, die Hermann ins Leben ruft. Das normale Platzkonzert verwandelte er in ein wöchentliches Ortshighlight mit Modenschau, Dorfpräsentation und Standeln. Man muss den Menschen etwas bieten, dann kommen sie, lautet sein simples Rezept. Geboten hat der Ellmauer wahrlich viel. Einmal ist er sogar, an einem vom Schuldach zum Kirchturm gespannten Seil, zum Dorfabend »eingeflogen«. Hermann Ortner liebt die Herausforderung in der Musik und bei seinen Auftritten. Und wenn etwas in der Musik nicht möglich erscheint, wagt er es erst recht. So wie damals in St. Johann.

DER REIZ DES ZUSCHAUERMANGELS

»Ich hatte nach 26 Jahren gerade meine Kapellmeistertätigkeit in Scheffau niedergelegt, als ich von St. Johann die Anfrage bekam, die dortige Blasmusikkapelle zu leiten.« Hermann ist wenig begeistert und fährt den Sommer über kaum motiviert zu drei Platzkonzerten. »Bei dem ersten waren mehr Musikanten auf der Bühne als Zuhörer im Publikum. Beim zweiten saß ich vor einem Lokal auf der Terrasse. Der Kellner meinte zu mir nur, ‚ahh schon wieder so ein Konzert, da geht eh keiner hin´.« Als die Musiker auch beim dritten Mal recht einsam sind, fängt Hermann Feuer. »Was andere abschrecken würde, hat mich gereizt«, lacht er. Hermann

»Dirigieren ist Gefühlsaustausch mit Musikern und Publikum.«

Hermann Ortner, Kapellmeister & Musiker

bekam, die dortige Blasmusikkapelle zu leiten.« Hermann ist wenig begeistert und fährt den Sommer über kaum motiviert zu drei Platzkonzerten. »Bei dem ersten waren mehr Musikanten auf der Bühne als Zuhörer im Publikum. Beim zweiten saß ich vor einem Lokal auf der Terrasse. Der Kellner meinte zu mir nur, ‚ahh schon wieder so ein Konzert, da geht eh keiner hin´.« Als die Musiker auch beim dritten Mal recht einsam sind, fängt Hermann Feuer. »Was andere abschrecken würde, hat mich gereizt«, lacht er. Hermann nimmt den Kapellmeisterposten an und ein Jahr später drängen sich die Besucher am Konzertplatz. »Was dafür der genau Grund war, weiß ich gar nicht. Ich habe es einfach geschafft, eine Brücke zu den St. Johannern zu legen. Ja und nach drei Jahren wollte ich es dann einfach wissen: kommen die St. Johanner wegen uns auch um sechs Uhr früh in die Kirche?«, spielt er auf besagten 10. Februar vor elf Jahren an.

DER FRÜHE VOGEL MUSIZIERT

»Wir hatten keinen Vorverkauf und wussten daher überhaupt nicht, wie viele Zuhörer kommen. Um halb sechs begannen wir mit dem Einspielen. Mir war ganz und gar unwohl. Und dann ging die Tür auf und ein Paar mit Tochter kam herein. Ich hab sie gefragt, was sie jetzt schon da machen. Und sie meinten nur, sie haben sich mit der Anfahrt aus Innsbruck verschätzt. Als ich hörte, dass sie extra aus Innsbruck angereist waren, dachte ich nur: das kann nicht sein.« Doch es sollte noch besser kommen. 15 Minuten vor Konzertbeginn geht die Türe auf und nicht mehr zu. Um sechs Uhr, ist das Gotteshaus bis auf den letzten Platz gefüllt. Inzwischen schwingt Hermann Ortner seit über 40 Jahren den Taktstock. »Wobei die Aufgaben weit über das reine Handwerk hinaus gehen. Du sollst motivieren, ein Gespür für das Programm haben, relevante Kontakte pflegen. Das Handwerk des Dirigierens alleine genügt sicher nicht. Dieses Drumherum macht rund Dreiviertel der Kapellmeister-Arbeit aus.« An längere Ferien war daher in den vergangenen Sommern nie zu denken. »Nach vier Jahrzehnten sagst du da schon einmal: es reicht.« Und so wird Hermann Ortner Ende 2021 den Taktstock niederlegen. Musiziert wird natürlich weiterhin, immerhin gibt er Trommelkurse und ist seit Oktober 2016 Mitglied der Koasa Combo.

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