Rhetoriktalent mit Meinung.

Die sich in der Lehre befindende Nathalie Nunner aus Scheffau stellte sich mehrmals einer Herausforderung, die manche schon bei dem Gedanken daran nervös werden lässt: vor hundert Menschen frei eine stolperfreie Rede zu halten. Und das zu einem prekären und polarisierenden Thema.
»Mein Magen schreit!« Das Hungergefühl kennt jeder. Doch gerade bei Jugendlichen, die ihren Körper mit dem anderer – teils auch mit retuschierten und kaum der Realität entsprechenden Bildern aus Medien – vergleichen, kann das Gewicht zu Unsicherheiten führen und das Essverhalten beeinflussen. Diäthalten oder verminderte Nahrungsaufnahme sind hierbei keine Seltenheit. Der Extremfall führt in die Magersucht (Anorexia nervosa). Personen weigern sich unter extremer Kontrolle, ihr Minimalkörpergewicht zu halten. »Es ist ein sehr bewegendes Thema«, nennt Na-thalie ihre Gründe, darüber in »Mein Magen schreit!« zu sprechen. »Ich habe auch selbst erlebt, wie eine Klassenkameradin magersüchtig wurde. Oft meinen Jugendliche auch, dass sie viel zu dick sind, obwohl sie mittlerweile schon zu dünn sind. Mich hat das sehr schockiert.« Was Magersucht wirklich ist, welche Schönheitsideale es in der Gesellschaft gibt und was die teils heftige Bildbearbeitung der Medien mit den Menschen macht – darüber sprach sie unter anderem. »Ich habe auch ein französisches Model eingebaut, das magersüchtig war, aber jetzt nicht mehr ist.« Ihr Resultat: Jeder ist schön – egal ob dick oder dünn. Die inneren Werte zählen.

Auf großer Bühne

»Zuerst wollte ich beim Redewettbewerb nicht teilnehmen«, erinnert sich Nathalie zurück, die sich derzeit in einer Lehre als Bürokauffrau bei Spar befindet und die TFBS für Wirtschaft und Technik Kufstein-Rotholz besucht. »Dann habe ich aber sehr viel Zuspruch erhalten und bin schlussendlich dazu überredet worden.« Zum Glück – im Nachhinein gesehen. Denn in der Berufsschülerin steckt ein wahres Redetalent. Schon auf Bezirks-ebene hängt sie mit ihrer klassischen Rede alle Mitbewerber in der Kategorie »Werktätige Jugendliche sowie Schülerinnen und Schüler der Berufsschulen Jahrgang 1998 bis 2003« ab und freute sich über den Sieg. Das verschaffte ihr zudem das Ticket zur Landesausscheidung in Innsbruck, dort holte sie sich wieder den ersten Platz und durfte Ende Mai zum Bundesfinale in Wien fahren. Doch warum eine klassische Rede? Es hätte auch noch die Kategorien »Neues Sprachrohr« und »Spontanrede« gegeben. »Ich hatte die Rede schon in der Schule vorbereitet und mehrmals vorgetragen. Da war es naheliegend, dass ich in dieser Kategorie antreten werde«, beschreibt Nathalie. »Zudem ist das Kreative, das bei ›Neues Sprachrohr‹ gefordert wird, nicht so meines.« So oder so – die Vorgaben des Wettbewerbs sind herausfordernd: Die klassische Rede muss frei gesprochen werden, außer einem Konzept sind keine weiteren Hilfsmittel erlaubt. Die Dauer von sechs bis acht Minuten ist einzuhalten, nach dem Vortrag stellt ein Interviewer Fragen. »Ich habe mir schon einen Ruck geben müssen. In jedem Fall ist es aber eine gute Übung, frei vor Menschen zu sprechen. Und ich habe es geschafft«, lächelt sie. Bewertet wurden beim Vortrag Darbietung, Aufbau, Inhalt und Originalität der Rede. »Sprechen konnte man zu einem freigewählten Thema. Man musste möglichst frei vortragen, mit Mimik und Gestik, das Publikum sollte angesprochen werden.« Und das beim Bundesfinale vor rund hundert Zuschauern.

Unsicherheiten verflogen

So wie es den meisten geht, verspürte auch Nathalie vor ihrer Rede Nervosität. Als sie dann aber auf der Bühne stand, war alles wie weggewischt. Es zählte nur mehr der Inhalt und ihre Performance. Sie atmete einmal tief durch und redete. Erleichterung überkam sie nach den rund acht Minuten auf der Bühne. »Die Rede ist, für mich überraschenderweise, sehr gut angenommen worden«, resümiert die 18-Jährige. »Auch wenn das Thema oft in den Schulen diskutiert wird, habe ich es von einer anderen Seite beleuchtet. Ich habe nicht nur Fakten aufgezählt, sondern bin auf das eingegangen, was es wirklich ist.« Das brachte ihr beim bundesweiten Finale den zweiten Platz ein.
TEXT: Alexandra Embacher FOTO: Parlamentsdirektion/Thomas Jantzen

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