Mutter aller Kinder

Mit sechs Jahren erklärte Manuela Erber ihren Eltern, sie wolle einen Kindergarten in Afrika bauen. Mit 27 ist sie die Gründerin und Repräsentantin der Hilfsorganisation »Zukunft für Tshumbe« und hat einen Kindergarten, eine Schule, Großküche mit Landwirtschaft, Schneiderei, Tischlerwerkstatt und eine Krankenstation im Kongo aufgebaut. Das ist ihre Geschichte.
TEXT: Simone Embacher FOTO: Eigenfoto

»Oma, weißt du, was ich alles machen muss für ein Glas Wasser?«

Manuela Erber - Telemaque, Repräsentantin der Hilfsorganistion »Zukunft für Tshumbe«

Abgeschieden und eingebettet zwischen Feld und Wald liegt der Bauernhof auf einer Anhöhe in Going. Hierhin kehrt Manuela während ihrer kurzen Heimataufenthalte zurück und kümmert sich um jene Dinge, die im Kongo nicht zu schaffen sind. Meist sind es Aufgaben, die eng mit der Technik, wie Strom und Internet, verknüpft sind. Hier schreibt sie Berichte, kümmert sich um die Buchhaltung, trifft Sponsoren und hält Vorträge. Sie empfängt mich an der Tür mit wild hochgesteckten Haaren und einem strahlenden Lachen.

Ein Glas Wasser

Wir setzen uns in eine leere Stube. Nicht ganz leer. Aufsteller der Hilfsorganisation »Zukunft für Tshumbe« stehen in zwei Ecken des Raumes. Bunte Fotobücher und Jahresberichte des Vereins liegen auf den Fenstersimsen. Zwei Stühle und ein Tisch mit einem Krug Wasser, aus dem Manuela die Gläser füllt. »Manchmal versuche ich meiner Oma von meinem Leben in Afrika zu erzählen. Und dann sag ich zu ihr: Oma, weißt du was ich alles machen muss für ein Glas Wasser? Dafür stehe ich um 5:00 Uhr auf und geh von meiner Lehmhütte eine halbe Stunde zur Wasserstelle runter, dort fülle ich den Kanister und trage ihn wieder 40 Minuten zurück. Dann sammle ich Holz und mache Feuer. Aber bei mir dauert das in der Früh immer länger, denn da liegt noch viel Nebel und Feuchte in der Luft. Und wenn das Feuer dann mal brennt, wird das Wasser eine halbe Stunde abgekocht und dann ist das Wasser noch heiß und muss abkühlen, erst danach trinke ich davon.« Und während Manuela von diesen Beschwerlichkeiten erzählt, verlässt sie nicht ein einziges Mal das Lächeln im Gesicht.

Selbst noch ein Kind

Mit siebzehn Jahren, noch während ihrer Ausbildung zur Kindergartenpädagogin, nahm Manuela Kontakt zu einem afrikani-schen Pfarrer auf, der einen Vortrag hielt. Sie ging entschlossen auf ihn zu und sagte: »Ich möchte in dem Ort, von dem Sie erzählten, einen Kindergarten aufbauen.« Auch wenn Manuela von Anfang an viel Unterstützung, besonders von Seiten ihrer Familie erfahren hat, waren nicht alle begeistert von ihrer Idee. Die einen trauten es ihr nicht zu und die anderen waren sehr besorgt. »Mein Papa hat Kongo gegoogelt und was er dort fand, gefiel ihm gar nicht. ‚Kind, ausgerechnet dahin, da ist ja noch Krieg!‘ Aber ich war schon nicht mehr aufzuhalten und gründete den Verein Zukunft für Tshumbe.« Noch vor ihrer ersten Einreise im Alter von 20 Jahren hatte sie so viele Spendengelder und eigenes Erspartes aufbringen können, um mit dem Bau der ersten Lehmhütte in Tshumbe zu beginnen. 2013 saß sie dann im Flieger. Zuerst in die Hauptstadt Kinshasa und von da noch weitere 1.700 km tief in das Innere des Kongos. Es war beschwerlich, aber als Manuela in Tshumbe ankam und das erste Mal von den vielen Kindern umringt war, die ihr in Otetela (der Landessprache) Gedichte und Lieder vortrugen, wusste sie sofort: »Das passt. Deswegen bin ich hier. Wegen der Kinder.«

Angst und Stärke

Manuela bekam einen Schlafplatz in einer Hütte und musste sich an viele neue Erfahrungen erst gewöhnen. Zum Beispiel sich mit Hunderten von Fledermäusen die Toilette zu teilen. Und auch ihr Körper war Afrika noch nicht gewohnt und sie hatte soziemlich jede Krankheit in den ersten Wochen. Wurmbefall, Amöbenruhr, eine schlimme Lebensmittelvergiftung und das Ganze gekrönt mit Malaria. »In Tshumbe sterben noch immer viele Menschen an dieser Krankheit und ich gebe zu, ich hatte Todesangst. Heute kann ich schon wieder darüber lachen, aber ich erinnere mich noch gut an den Moment, wo ich zu Hause anrief und sagte, dass ich die Nacht wahrscheinlich nicht überleben würde. Es war ein schrecklicher Anruf für meine Eltern, aber was konnten sie aus der Ferne machen, außer mir mit beruhigenden Worten beizustehen: ‚Das wird schon wieder Manuela. Leg dich hin. Versuch zu schlafen. Du wirst morgen bestimmt wieder aufwachen.’ Und das bin ich.« Bei all den Krankheiten und der Armut, die Manuela während der ersten sechs Monate erlebte, hatte sie immer die Kinder vor Augen, die genau dasselbe durchmachten und da wusste sie, dass jammern keine Option sei. Völlig auf sich allein gestellt ging sie jeden Tag raus ins Dorf, machte sich mit allem vertraut und gewann so das Vertrauen der Einheimischen.

»Waale Waana«

Auch die Leute in Tshumbe waren anfangs skeptisch. Wie sollte die junge Europäerin ihnen nur helfen? Sie war ja selber noch ein Kind! Doch sie erkann-ten schon bald, dass Manuela etwas bewegte. Sie errichtete Lehmhütten, schuf Arbeitsplätze, sorgte für Nahrung und medizinische Versorgung, ermöglichte 32 Kindern bereits im ersten halben Jahr einen Platz im Kindergarten und gab trotz all der Schwierigkeiten nie auf. Manuela übernahm Verantwortung und kümmerte sich um alle. Sie erlernte ihre Sprache, ihre Traditionen und Rituale, sprach Respekt aus und erhielt einen solchen. »Empathie und Verständnis sind sehr wichtig, wenn man in einem fremden Land helfen will. Es reicht nicht, aus Österreich zu kommen und alles in Frage zu stellen. Denn alles hat einen Grund. Und bis man den nicht kennt und die Lebensweise nicht versteht, werden auch Projekte dieser Art nicht funktio-nieren.« Papa Fabien, ihre rechte Hand in Tshumbe bezeichnet Manuela als »Tor zu zwei Welten« und die Einheimischen nennen sie »Waale Waana«, die Mutter aller Kinder, weil sie für alle da ist, Groß

Zukunft in Tshumbe

Manuela führt mittlerweile ein kleines Unternehmen. 62 Menschen arbeiten im Kongo bei »Zukunft für Tshumbe«, aber es gibt noch immer viel zu tun. »Das Fundament steht und jetzt gilt es zu wachsen, denn das Gebiet ist riesig und wir haben noch nicht die Kapazität, unsere Krankenstation öffentlich zugänglich zu machen, aber es ist ein Ziel. Eines neben vielen. Trinkwasser. Blitzableiter. Genug Nahrung. Bildung. Wobei Manuela klar sagt, dass sie in Tshumbe nicht den Mathematikunterricht ausbauen, sondern handwerkliche Zweige forcieren. Eine Tischler- oder Schneiderausbildung, das macht viel mehr Sinn. Auch die politische Situation ist immer wieder ein Thema. »Anfang des Jahres, bevor die letzten Wahlen zum Abschluss kamen, war es ganz schlimm und wir mussten überlegen, was wir tun werden, wenn der Krieg ausbrechen sollte und die Rebellen einfallen würden. Es gab den Notfallplan, mit all den Kindern und so vielen Menschen wie möglich und allem was wir tragen konnten in den Urwald zu flüchten. Gott sei Dank war es nicht notwendig.« Und Erleichterung ist in ihrer Stimme zu hören. Und dann ist es wieder da, das Lachen in Manuelas Gesicht und der Glanz in ihren Augen. »In Tshumbe sagen sie alle: ›Egal, was passiert, wir wissen, unsere Mama Manuela bleibt immer bei uns.‹ Sie haben Recht. Mein Le-bensmittelpunkt ist im Kongo. Ich gehöre zu diesen Menschen und sie zu mir.«

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