Reich bemalt

Auf den Spuren von Bauernmöbeln mit ihrer prägenden Malerei. Bauernschränke und -truhen sind selten geworden. Ausgetauscht durch neue, moderne Möbel sind sie oftmals nur mehr in alten Bauernhäusern zu finden. Wir begaben uns auf die Suche nach den kostbaren Antiquitäten – und wurden beim Kodahof in Itter sowie am Bauernhof Knolln in Söll fündig. „Es wäre schade um die alten Kästen und Truhen gewesen“, sind sich Familie Rabl und Familie Eisenmann einig. Eine Suche nach der Geschichte der Bauernmöbel, die uns schlussendlich bis nach Innsbruck führte.
Einzigartig. Anders kann man sie nicht be- schreiben. Bauernmöbel sind individuell, je- mand hat sich sehr viel Mühe mit der Anferti- gung und Bemalung gemacht. Die Produktion erfolgte oftmals in kleinen Familienbetrieben, in der Alpenregion wurden sie fast ausschließ- lich aus billigeren Weichhölzern, wie etwa Fichte, hergestellt. Und genau um diese Makel zu kaschieren, bemalte man die Möbel reich. Prunkvolle Exemplare wurden teils auch ver- goldet oder versilbert, sie hatten prunkvoll ein- gerichtete Innenräume von Kirchen, Klöstern oder Schlössern zum Vorbild. „Bauernmöbel“ ist aber auch eine Sammelbezeichnung für die Stilsprache ländlicher Regionen, die teils über mehrere Generationen hinweg sehr einheitlich geblieben ist. Heute sind teils sehr alte Stücke Sammlerobjekte, welche je nach Zustand teu- er gehandelt werden. „Wir schätzen die Möbel und geben sie deswegen nicht her. Die nächs- te Generation sollte das auch so machen“, ist man sich in der Familie Rabl aus Itter sicher. „Seit mehreren Generationen sind sie schon Teil unseres Hofs.“ Die Zeit macht die Stücke wertvoll – wo sie herkommen und welchem Stil sie genau entsprechen, können uns die Fa- milien aber auch nicht mehr sagen.

KONSEQUENTE SPURENSUCHE

Daher könnte hier der Artikel schon wieder zu Ende sein. Ist er aber nicht. Erster Anruf beim Museum Tiroler Bauernhöfe, diese ver- weisen zum Leiter des Tiroler Volkskunstmuse- ums Karl Berger. „Die Möbel sind zumeist in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bemalt worden, also circa von 1800 bis circa 1850“, erläutert er nach der Durchsicht der Fotos. „Geographisch kann alles dem Tiroler Unter- land zugeordnet werden. Die naturgrundierten Möbel könnten vielleicht im Einflussbereich von Alpbach stehen, sind aber wohl keine Al- pbacher Möbel.“ Besonders zu Beginn des 19. Jahrhunderts erreichte diese Art der Möbelpro- duktion ihren Höhepunkt.
Konkret kann die mit den blauen Vier- ecken verzierte Truhe in die zweite Hälf- te des 19. Jahrhunderts datiert werden. Zudem zeigen der Schrank wie auch die Truhe aufwendige Blumenmale- reien, diese waren damals modern. Wahrscheinlich – ein weiterer Grund für die Beliebtheit der Blumenornamen- tik – standen die meisten hier gezeigten Möbel im Zusammenhang mit einer Hochzeit. Stichwort: Brautgut. Beson- ders aufwendig verzierte Schränke wur- den häufig von Brauteltern, durchaus aus dem wohlhabenden bäuerlichen Bereich, erworben. Voll gefüllt mit Aus- steuertextilien wurden sie prestigeträch- tig auf den Brautwagen mit weit geöff- neten Türen gestellt und in dieser Weise durch das Dorf gezogen. Zu solchen Anlässen beschaffte Möbel haben oftmals den Namen der Brautleute sowie die Jahreszahl der Hochzeit aufgemalt – besonders bei dem ersten Schrank und der ersten Truhe ist das gut sichtbar.

AUSSAGEKRÄFTIGE MOTIVE

Die Truhe mit der grünen Grundierung und den Blumen kann laut dem Wissen- schaftler etwas früher eingeordnet wer- den, zumindest seien hier noch barocke Formen verwendet worden. Und auch die Blumenornamentik auf blasser, grü- ner Grundierung spricht für sich: sie war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts besonders beliebt, wurde aber durch kräftige Blautöne abgelöst. „Die Truhe, datiert mit 1826, wirkt etwas eigenartig. Vielleicht ist es eine spätere, etwas miss- glückte Restaurierung – zumindest im Sockel“, meint der Fachmann. Zudem ist ein religiöses Motiv auf der Truhe und dem Schrank nebenan zu finden: IHS (Jesus), das Herz mit Dornenkrone (Herz Jesu) beziehungsweise die Rosen (Herz Mariens) weisen auf das stark religiöse 19. Jahrhundert hin. Der grüne Kasten auf derselben Seite zeigt im Medaillon den guten Hirten, ein Bild für Jesus. Ihm gegenüber ist die gute Hirtin zu sehen, sie soll die Kirche oder Muttergottes dar- stellen. Nun fehlt noch der große, üp- pig bemalte Schrank: dieser ist mit zwei Doppeladlern verziert. „Das muss nicht zwangsläufig eine patriotische Hom- mage sein, vielmehr spielte die Symme- trie hier eine wichtige Rolle“, weiß der Experte.

VERÄNDERTE ZEITEN

Doch warum sind nun so wenige Bau- ernkästen und -truhen im Umlauf? Die- se Tatsache resultiert aus der Geschich- te: während des Dritten Reichs wurde bäuerliches Kulturgut ideologisch aus- 24 Wilde Kaiserin Wilde Kaiserin 25 geschlachtet und gerne als „völkisch“ inst- rumentalisiert. Ebenso wurden im Zweiten Weltkriege und den nachfolgenden Jahren oftmals alte Bauernmöbel eher aus der Not heraus weiterbenutzt, viele Menschen hat- ten ihr Hab und Gut verloren und kein Geld für neue Möbel. Mit steigendem Wohlstand „modernisierte“ man dann die Bauernmöbel, durch Anstriche, Entfernen von Ornamenten oder Bekleben mit glatten Holzplatten wur- den diese sukzessive verändert. Andere Stü- cke fanden auf Dachböden oder in Schup- pen eine untergeordnete Zweitverwendung zur Aufbewahrung – und im Falle der Möbel in den beiden Bauernhäuser in Söll und Itter werden diese noch immer liebevoll an sicht- baren Plätzen zur Schau gestellt. 

Text: Alexandra Embacher
Foto: GPhoto /Martin Guggenberger

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