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Von Mausbalken und Urlaubern mit Krawatte

Die Wilde Kaiserin

Von Mausbalken und Urlaubern mit Krawatte

Die Wilde Kaiserin

Von Mausbalken und Urlaubern mit Krawatte

Die Wilde Kaiserin

Von Mausbalken und Urlaubern mit Krawatte

Wie alt ihr Hof genau ist, weiß Kathrin Salvenmoser Rodriguez gar nicht. Doch jede Ecke erzählt von früheren Zeiten und lässt die Vergangenheit lebendig werden. Und der Balkon ist gar ein kunstvoller Zeuge eines Tauschgeschäfts vor 101 Jahren.
TEXT: Adriane Gamper FOTO: GPhoto/Martin Guggenberger
Die Glocke ganz oben unterm Dach sticht sofort ins Auge. Vor zwei, drei Generationen läutete sie noch täglich und rief die Männer, die am Feld arbeiteten, zum Essen. Auch im Inneren des altehrwürdigen Hofs im Ortsteil Seebach von Scheffau finden sich zahlreiche Stücke aus früheren Zeiten. So gehört die Madonna von der Großtante, der Schulhaus Kathi, genauso zum Bauernhaus wie die blauen Betten mit den Blumenverzierungen aus der Hand des Großonkels. Alte Nähmaschinen, eiserne Bügeleisen, ein liebevolles Detail reiht sich an das nächste, die Leidenschaft Kathrin Salvenmoser Rodriguez‘. Sie ist die mittlere von fünf Schwestern und wollte eigentlich als einzige den Hof keinesfalls übernehmen.
im obersten Geschoss seines Vitalhotels Sonnenhof. Der Sonnenhof in Going erfuhr in den letzten Monaten einen vollkommenen Wandel. Mit an die zwölf Tonnen Stahl entstand eine gänzlich neue Statik. Das gesamte Hotel wurde um vier Meter verlängert, zwölf Zimmereinheiten auf den neuesten Stand gebracht. »Damit hat jedes unserer insgesamt 50 Zimmer mindestens 32 m².« Der oberste Stock, auf dem sich die Oase der Sinne erstreckt,

In die Ferne und zurück

»Vieles kommt oft anders, als man denkt«, lacht Kathrin. »Es war wunderschön, hier aufzuwachsen, doch dann zog es mich in die Ferne.« Wochen- und monatelang war sie unterwegs, um dann festzustellen, dass ihr Herz an dem alten Familienhof hängt. »Und zwar genau so, wie er ist. Mit all seinen Ecken und Kanten.« Nie kam es für die Scheffauerin in Frage, den Hof zu verändern. Selbst als sie die beiden oberen Stockwerke umbauten, um die Tradition der Ferienzimmervermietung fortzusetzen, legte sie Wert auf die Erhaltung des Schmuckstücks. »Wir haben die Zimmer in Apartments verwandelt. Aber alles im alten Stil, und die Möbel sind großteils noch von meinen Großeltern und Urgroßeltern.«

»Den Hof zu erhalten und so wenig wie möglich zu verändern ist uns wichtig.«

Kathrin Salvenmoser Rodriguez, Scheffau

Thomas, Dora, Moidl und die Urlauber

Über die steile Holztreppe geht es nach oben hinauf in die Hüa, den einstigen Dachboden. Die Wände des Apartments hier heroben sind voll von alten Fotos. »Das hier waren die ersten Urlaubsgäste am Hof«, erzählt Kathrin, während sie auf ein Bild zeigt. Thomas, ihr Opa, am Kutschbock, davor Dora, das Pferd. Am Anhänger sitzen zwei junge Pärchen. Die beiden Männer akkurat mit Anzug, Krawatte und einem Strahlen im Gesicht. Das war 1959. »Meine Großeltern waren eine der Ersten in der Region, die Ferienzimmer vermieteten. Sie hatten extra umgebaut. Ganz modern. Am Gang gab es ein Waschbecken, um das man einen Vorhang ziehen konnte. Das war damals äußerst fortschrittlich.« Dazu gab es Halbpension. Die Schwester von Kathrins Opa, die Moidl, die gute Seele des Hauses, kochte für die Urlauber. Die Sommerfrischler und Winterurlauber kamen immer nur während ein paar Wochen im Hochsommer und rund um Weihnachten. »Das war auch noch so, als ich und meine Schwestern klein waren. So kam es, dass wir fünf das Jahr über in den Gästezimmern schliefen. Wenn aber die Urlauber anreisten, ging es für uns hinauf in die Hüa. Dort oben zu schlafen haben wir geliebt. Und manche Urlauber sind uns allen so richtig ans Herz gewachsen. Ohne die Familie Jubt war Weihnachten und Silvester gar nicht denkbar.« Und genauso wie Kathrin die Tradition der Vermietung übernahm, übernahmen die Kinder der Familie Jubt das Urlauben am Oberseebachhof. So kommen sie heute noch im Winter auf Urlaub.

»Hier am Hof wurde schon früher geimkert. Diese Tradition lasse ich wieder aufleben.«

Alexander Rampanelli, Scheffau

Mausbalken an der Wand

Durch die kleine Balkontür geht es hinaus auf den Balkon mit der Glocke. Im Feld grasen Schafe. Ein kleiner Rest, die anderen sind auf der Alm. Alexander Rampanelli, Kathrins Lebensgefährte, kümmert sich gemeinsam mit Kathrins Vater Georg am Hof um die Tiere, während Kathrins Mama Kathi wie früher mithilft und für alle groß aufkocht, wenn viel Arbeit ansteht. »Ich weiß noch genau, als ich zum ersten Mal herkam. Da war mir schon klar, hier bleibe ich«, schmunzelt Alexander, denn auch er hat sein Herz an den 350 bis 400 Jahre alten Hof verloren. Wann das Bauernhaus erbaut wurde, steht nicht fest. Klar ist, dass es vor 101 Jahren zur Familie Salvenmoser kam. Kathrins Urgroßvater tauschte damals seinen Hof in Ellmau gegen ihren heutigen. »Mein Urgroßvater war nicht mehr ganz gesund, als er aus dem Ersten Weltkrieg heimkehrte. Die steilen Felder in Ellmau hätte er nicht mehr bearbeiten können.« So kam es, dass er mit dem Bauern Feger seinen Hof tauschte. Keine Seltenheit damals. Eine Erinnerung an die Familie Feger sieht man noch am Balkon. Im Holzgeländer ist die Jahreszahl 1913, das Jahr in dem das Geländer erneuert wurde, und der Name »Feger« festgehalten. »Siehst du das da«, fragt Alexander und zeigt auf einen Balken, der schräg von der Hauswand absteht. Dicht an dicht sind Wörter in altdeutscher Schrift eingeschnitzt. »Das ist der Mausbalken, der sorgte früher dafür, dass keine Maus in die Getreidekammer unter dem Dach kam, denn Mäuse können nicht über Kopf klettern.« Ein Detail. Eine Besonderheit. Eine Erinnerung an einst hier am Oberseebachhof.

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